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Für uns traf Roman Libbertz den großen Philippe Djian

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Philippe Djian wurde am 3.6.1949 geboren. Als Sohn eines algerischen Handwerkers wuchs er in Paris auf. Fast alle seine Bücher beschäftigen sich im schroffen Ton mit den Trivialitäten des Lebens. Vor 20 Jahren schrieb er sich mit “Betty Blue” weltweit in die Herzen der Menschen, ein Roman, der heute noch in einem Atemzug mit Werken wie Salingers “Der Fänger im Roggen” oder Kerouacs “Unterwegs” genannt wird. In der französischen Literaturszene gilt er als Einzelgänger. Er gibt keine Lesungen in Frankreich. Für mich war er immer eine Art Tarantino der schreibenden Zunft.

Was wusste ich über “Betty Blue”?

Es ist die Geschichte einer “Amour fou” zwischen dem Gelegenheitsarbeiter und Schriftsteller Zorg und der jungen Betty.

Für mich ist “Betty Blue” eine der schönsten Liebesgeschichten überhaupt, die nichts an Verrücktheit vermissen lässt und darüber hinaus mit einem gewaltigen Ende aufwartet.

 

Minute 30: “Ein Schriftsteller braucht riesige Lebenserfahrung. Wie soll jemand schreiben, der nichts erlebt hat?”

Minute 29: “Ein Magazin bat mich, eine Seite über Quentin Tarantino zu schreiben. Für mich kopiert Tarantino gut und hat ein enormes Gefühl für Dialoge. Tarantino macht B-Movies, ein bisschen wie ich selbst in meinen Büchern.”

Minute 28: “Ich mag die Serien “Sopranos” und “Six feet under”, die ich durch meine fernsehverrückte Tochter kennen gelernt habe.” “Wenn ich ein Tier wäre, dann wohl irgendein Vogel.”

Minute 26: “Mein letzter Urlaub liegt lange Zeit zurück, habe ich die Schnauze voll von Paris, ziehe ich mich in mein Ferienhaus nach Biarritz zurück.”

Minute 25: “Das Internet als Recherchemittel ist nicht zu unterschätzen.”

Minute 24: “Mit dem Geld von Betty Blue kaufte ich mir einen Mercedes und floh vor dem Rummel nach Amerika.”

Minute 22: “Ich will mein Schreiben ständig verbessern, das treibt mich an.” Minute 20: “Entspannen kann ich nur außerhalb von Großstädten.”

Minute 19: “Als Kind wollte ich immer Musiker werden, weil ich aber auf einem Ohr taub bin, wurde nichts aus diesem Traum.”

Minute 18: “Ein Schriftsteller braucht Talent und Willen, beides zu gleichen Teilen.”

Minute 17: “Als Buch empfehle ich “Tokio Express” von Richard Brautigan.”

Minute 16: “Ich wurde nie von einer Schreibblockade heimgesucht. Warum auch?” “Ich benutze gerne Klischees, breche sie auf und lasse somit Neues entstehen.”

Minute 13: “Für Lars van Trier habe ich früher sogar Plakate geklebt, wofür sich Trier schriftlich bei mir bedankt hat.”

Minute 11: “Sprache muss so bearbeitet werden, dass sie in die jeweilige Zeit passt.”

Minute 10: “Das heutige französische Kino ist nicht wirklich meins.” “Scorsese-Filme siehe ich mir gerne an.”

Minute 8: “Seit Shakespeare gibt es nichts Neues mehr zu erzählen” “Am liebsten trinke ich einen Martini Dry oder Wasser.”

Minute 4: “Jegliche Form von nachträglicher Überarbeitung an meinen Werken lehne ich ab. Nur meine Frau hat mich einmal zu einer Korrektur bewogen.” “Täglich schreibe ich 500 Wörter, eine Seite, aber nie mehr als 5 Stunden.” “Für ein Buch brauche ich in der Regel ein Jahr.”

Minute 3: “Seit 30 Jahren bin ich mit meiner Frau zusammen.” “Ich bin zufrieden.”

Minute 2: “Heute überlasse ich die In-Treffs lieber Houllebeq und Beigbeder, deren Bücher ich nett finde.”

Letzte Minute: “Ich will über meine Literatur reden, nicht über mich.”

Das Interview ist zu Ende, aber Djian hat sich bei den Fragen “unterhalten gefühlt”. Gewonnen. Er meint, “es reicht auch, wenn er eine Minute vor Lesungsbeginn” eintrifft. Wir machen also ohne Tonband weiter.

Djian lehnt sich zurück und erzählt über den Abbruch seines Literaturstudiums (Urteile sind “obszön”), seine vielen Gelegenheitsjobs (zum Beispiel als Docker in Paris-Le Mans), über seinen ersten Roman “50 zu 1″ ( diesen hat er, nicht wie oft “Betty Blue” fälschlicherweise angelastet, während seiner Arbeit in einer Mautstelle geschrieben) und wie sehr ihn erotische Literatur langweilt.

Anschließend fragt er G., der mir freundlicherweise übersetzt, nach seinem Leben, speziell nach seiner Sicht über ihre gemeinsame Heimat (“Paris ist nach einem Leben des Herumreisens doch noch meine Heimat geworden.”) und fragt nach seiner Meinung über “Betty Blue” (Für Djian ist dies nicht die Liebesgeschichte zweier Menschen, sondern von ein und derselben Person.).

Zwischen den drei Büchern, die ich ihm mitgebracht habe, schreibt er mir eine Widmung in den “Fänger im Roggen” (“Das Buch, mit dem für mich alles begann.”), dann zieht er seine Schiebermütze auf und wenig später schlappen wir gemeinsam durch den Münchner Regen.

“Das Leben kann man nicht durch Philosophie, Meister oder Heilige lernen, man muss an die Quelle, man muss leben”, hallt sein Satz noch am nächsten Morgen in meinen Ohren nach.

 

Interview: Roman Libbetrz



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