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Interview Tilman Rammstedt

LiteraturKolumne-Rammstedt

Der 1975 geborene Tilman Rammstedt ist für mich das deutsche Pendant zu Jonathan Safran Foer. Wie der geniale Amerikaner beweist auch er mit jedem Buch den Mut weiter zu gehen, die Grenzen ein wenig mehr zu überschreiten und beweist dabei ebenfalls er die große Kunstfertigkeit sich nicht zu verlieren. In „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“, einer sagenhaften Abendteuergeschichte mit stark zwischenmenschlichstem Einschlag und doppelten Böden ist das selbstverständlich nicht anders. Bachmann, Annette-Hülshoff und den Preis der deutschen Wirtschaft hat er schon, im Grunde nur eine Frage der Zeit bis er sie alle besitzt.

BLANK: Hallo Tilman, wie geht es dir heute?
TR: Danke. Und selbst?

BLANK: Was hast du heute schon so getrieben?
TR: Ich habe vier Stunden für drei Mails gebraucht. Sobald ich mit einem Buch fertig bin, brauche ich für alles furchtbar lange. Für dieses Interview habe ich mal sicherheitshalber eine halbe Woche eingeplant.

BLANK: Ich werde Dir jetzt mehrere Fragen stellen und bitte dich mir sofort darauf zu antworten, obwohl wir räumlich 502 km getrennt sind und unsere Kommunikation sich ausschließlich über Emailverkehr abspielt. Wäre für das in Ordnung für Dich?
TR: Vollkommen in Ordnung.

BLANK: Auch in deinem neuen Buch geht es wieder ein wenig, sagen wir, hypothetisch oder fantastisch zu. Wie würdest du deinen Stil eigentlich beschreiben?
TR: Konjunktivisch, hibbelig und hoffentlich ab und an energisch.

BLANK: Warum liegt Dir das?
TR: Ich weiß nicht, ob es mir liegt. Ich weiß nur, dass ich mich mit jedem anderen Stil unwohl fühle.

BLANK: Die Idee, ausgerechnet Bruce Willis für deinen neuen Roman zu engagieren, kam dir wann und wo? Warum Bruce?
TR: Sie kam mir im Liegen. Und gerade hatte ich auf youtube den Trailer für einen neuen Bruce Willis-Film gesehen. Mit dem Roman lief es schleppend und ich faselte selbstmitleidig vor mich hin, dass ich auch lieber einen Film mit Bruce Willis machen wolle, als ein Buch zu schreiben.

ICH MAG MEINE FIGUREN,
ICH BETRACHTE SIE WOHLWOLLEND,
MITUNTER, JA VERDAMMT, ZÄRTLICH.

BLANK: Wie wichtig ist Dir Zärtlichkeit in deinen Büchern?
TR: Davon abgesehen, dass das Wort „Zärtlichkeit“ – wahrscheinlich aufgrund alter „Bravo“-Traumata – bei mir sehr unzärtliche Gefühle auslöst: sehr wichtig. Ich mag meine Figuren, ich betrachte sie wohlwollend, mitunter, ja verdammt, zärtlich.

BLANK: Magst du das Gefühl, Menschen zum Staunen zu bringen?
TR: Ich bin zu ungeschickt für Zaubertricks. Die Literatur ist da mein Plan B, um ein Staunen zu erzeugen.

BLANK: Könnte man von einem Leben vor dem Bachmann-Preis sprechen und dem danach?
TR: Das könnte man, aber damit wäre wenig gesagt. In dieser Zeit war für mich das Fertigstellen meines damaligen Romans „Der Kaiser von China“ viel entscheidender als der Bachmannpreis. Was nicht heißen soll, dass ich mich über den Preis nicht dumm und dämlich gefreut hätte.

BLANK: Welches Buch hat dich als Kind fasziniert?
TR: „Das Biest des Monsieur Racine“ von Tomi Ungerer. Diese skurrilen, oft überaus brutalen Details in den Zeichnungen. Und das in einem Kinderbuch. Großartig.
BLANK: Welches Buch hat dich als Jugendlicher geprägt?
TR: Als anständig pubertierender Jugendlicher habe ich natürlich nicht gelesen. Jedenfalls nichts Prägendes.

BLANK: Welches Buch würdest Du auf eine einsame Insel mitnehmen?
TR: „Floßbauen für Anfänger“
BLANK: Wenn man Dir alle Wörter nehmen würde und Du dürftest nur eins behalten, welche wäre das?
TR: „Hilfe!“

ICH BIN ZU UNGESCHICKT FÜR
ZAUBERTRICKS. DIE LITERATUR IST
MEIN PLAN B, UM EIN STAUNEN
ZU ERZEUGEN.

BLANK: Gibt es eine Jugendgeschichte aus dem Teutoburger Wald, die Du spontan zum Besten geben willst?
TR: Der Wald hat meine ganze Kindheit und Jugend begleitet: Vom Indianerspielen übers Pflanzenbestimmen bis zum ungelenken Küssen in verlassenen Hochsitzen. Jetzt wohne ich schon seit siebzehn Jahren nicht mehr dort, und gerade vor ein paar Wochen überkam mich eine unglaubliche Sehnsucht nach dem Teutoburger Wald, die bis jetzt anhält. Das ist wohl das Altern.

BLANK: Gibt es eine Übersetzung, in der Du eines deiner Werke (neben dem Deutschen) komplett durchgelesen hast?
TR: Ehrlich gesagt, habe ich nicht einmal die deutschen Versionen noch einmal ganz durchgelesen nachdem sie erschienen sind. Ich habe viel zu viel Angst davor, dass ich sie ganz schrecklich finde.

BLANK: Arbeitest Du mit deinen Übersetzern eigentlich eng zusammen?
TR: Nein, aber das liegt nicht an mir. Ich bin eher überrascht, wie wenig Fragen sich beim Übersetzen meiner Bücher anscheinend stellen. Vor allem, weil in „Der Kaiser von China“ noch immer ein sehr peinlicher logischer Fehler vorkommt, den alle Übersetzer entweder stillschweigend verbessert oder schlicht übersehen haben.

BLANK: Schreibst du bei Musik?
TR: Ich würde gerne, aber es nervt mich unglaublich. Nur ab und an schreibe ich gern in Cafés mit lauter Musik. Dann muss sie schnell sein, treibend, gerne funkig. Mit der einen Hand möchte ich dann schreiben und mit der anderen im Rhythmus auf den Tisch hauen.

BLANK: Berlin ist für Dich die ideale Stadt zum Schreiben, ja?
TR: Nein, überhaupt nicht. Aber sie ist gut zum Leben. Das ­Schreiben muss dann damit klar kommen.

BLANK: Inwieweit ist Thomas Pletzinger eine große Hilfe für das Buch gewesen?
TR: Ich teile mir mit ihm ein Schreibbürozimmer, und er hat den ganzen Schreibprozess über mein Gejammer anhören müssen. Darüber hinaus hat er, genau wie der andere Büroin­sasse Saša Stanišic, tausend kluge Anmerkungen und Vorschläge gemacht.

BLANK: Dein Wikipedia-Eintrag – magst Du das Bild?
TR: Seltsam ist vor allem, dass dort ein Glas Rotwein vor mir steht. Ich trinke während Lesungen nie Rotwein. Ich glaube, das wurde im Nachhinein da reingephotoshoppt.

BLANK: Vor Lesungen bist du relaxed?
TR: Das wüsste ich aber.

BLANK: Schreibst du bereits an einem neuen Werk?
Eigentlich wollte ich gleich am Tag nach der Buchabgabe mit etwas Neuem beginnen. Das war ein fester Entschluss. Aber dann ist irgendwas dazwischen gekommen. Und dann noch etwas.

BLANK: Ich kenne leider bis dato nichts von deiner Band „Fön“. Wie sollte ich beim Nachholen vorgehen?
TR: Wir sind mit Fön gerade in einem sehr schläfrigen Ruhemodus. Und da sich unser musikalisches Gesamtwerk auf zwei CDs beschränkt, geht das Nachholen schnell. Zum Kennenlernen kann man sich auch bei youtube ein paar Stücke anhören. Die sind zwar sechs Jahre alt, aber wir entwickeln uns ohnehin nicht weiter.

EIGENTLICH WOLLTE ICH GLEICH AM TAG
NACH DER ­BUCHABGABE
MIT ETWAS NEUEM BEGINNEN.
DAS WAR EIN FESTER ENTSCHLUSS.
ABER DANN IST IRGENDWAS
DAZWISCHEN GEKOMMEN.
UND DANN NOCH ETWAS.

BLANK: Wo siehst du dich in 50ig Jahren?
Ich fürchte, da bin ich tot.

BLANK: Und was machst Du heute noch so?
Weiterleben.

Noch nachzureichen:

Lieber Roman,
hier sind nun meine Antworten.
Ich merke gerade, dass ich beim schriftlichen Antworten ungewohnt schnippisch werde –
das ist nicht so gemeint.

Gute Grüße von
Tilman

 

EINIGE DER BESTEN ZEILEN DES BUCHS:

Man könne ja niemanden zu seinem Glück zwingen, sagte er. Schon aus rein rechtlichen Gründen, sagte er. Da habe er sich erkundingt, sagte er. // Sie versuchen probehalber einen Fuß in Gang zu setzen, aber das Signal verläuft sich, biegt falsch ab, landet im Finger, der krümmt sich, und er krümmt sich wahnsinnig laut. // Ich kaufe Schirmmützen und Sonnenbrillen für die Tarnung, ich kaufe Tesafilm und Lakritzschnecken, um daraus aus Bedarf falsche Schnurbärte zu basteln. // In irgendeiner Richtung liegt wohl das glückliche Ende, und ich habe nicht die geringste Ahnung, welche das sein könnte. //Und am liebsten hätte ich sie umarmt, am liebsten hätte ich sie gefragt, ob sie uns nicht in den verleibenden Stunden Gesellschaft leisten wolle, aber noch bevor ich überlegen konnte, ob es wirklich eine gute Idee wäre, jetzt noch eine neue Figur einzuführen, war sie schon weggefahren, und ich konnte das gut verstehen.

 



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