Allgemein

Interview Joey Goebel „Ich gegen Osborne“ jetzt auch auf italienisch erschienen.

Goebel-550x198

Joey Goebel ist mit seinen zweiunddreißig Jahren bereits zu einem kleinen literarischen Schwergewicht aufgestiegen. Der, in Kentucky geborene, ehemalige Sänger einer Band namens „The Mullets“ hat mit „Ich gegen Osborne“ (die Geschichte eines einzigen brutalen Schultages im leben von James Weinbach) nun schon sein viertes Werk vorgelegt. Gibt man seinen Namen in eine der Suchmaschinen ein, steht da: „Joey Goebel, eigentlich Adam Joseph Goebel der Dritte. Seine Bücher beschreiben auf satirische Art die Eigenheiten der Popkultur im Mittleren Westen der USA.“ Verstanden? Ich zumindest nicht wirklich, aber ich habe seine Bücher ja selbst gelesen und obwohl kein großer Zyniker oder Satiriker an mir verlorengegangen ist, konnte ich mich in fast allen seiner Helden problemlos wiederfinden. Goebel der Dritte oder Gesellschaftskritiker meinetwegen, aber seine Bücher machen vor allem eins: Unglaublichen Spass.


Joey kommt ins Zimmer und entschuldigt sich erst einmal, weil er eine Minute zu spät ist. Dann entschuldigt er sich beim Rezeptionisten, weil wir einen, der sowieso ungenützen Räume für unser Interview benutzen. Er ist höflich, sehr höflich, ein wenig zurückhaltend, ein bisschen breiter als ich ihn mir vorgestellt habe und mit diesem entwaffnenden Grinsen ausgestattet. Er begrüßt mich auf deutsch.

„Ich gegen Osborne“ ist das nicht ein sehr provokanter Titel?
JG: Na ja, also alle Anderen schwärmen von ihren Ferien (dem Spring Break in Panama City) und James ist zuhause geblieben, weil sein Vater gestorben ist. Liegt der Titel da nicht sogar nahe?

Wie kamst du auf die Idee?

JG: Teils meine eigene Schulerfahrung, teils meine Erfahrungen als Lehrer, nur die Höhepunkte habe ich mir schlichtweg ausgedacht.

Seit fast 5 Jahren bist Du jetzt Lehrer. Wie motivierst du deine Schüler beim Schreiben?  
JG: Ich sage oft: „Versucht immer die Sätze zu schreiben, die noch niemand vor euch geschrieben hat.“ oder „Schreibt genau so, wie nur ihr allein es zu Papier bringen könnt.“

Was würdest du sagen, war die größte Herausforderung bei deinem neuen Werk?
JG: Das Alles in Echtzeit zu erzählen. Also die ganze Geschichte an einem einzigen Schultag stattfinden zu lassen. Am Anfang hatte ich es sogar auf die Minute getimed, aber da wäre ich meinen Lesern wohl gehörig auf die Nerven gegangen.

Wie ist dir diese großartige Struktur gelungen?

JG: Über die letzten Jahre habe ich hart an mir gearbeitet, ich habe nach und nach immer wieder versucht den Rhythmus einer Geschichte zu optimieren.Erst ziemlich spät habe ich dann plötzlich kapiert, dass dies in Perfektion bereits mit „Der ­große Gatsby“ existiert. Ich habe das Buch daraufhin regelrecht studiert.

Vor uns steht ein Wasserglas. Ich deute darauf. Halbvoll? will ich fragen, aber natürlich würde ihn da nur wieder als Pessimisten hinstellen, so steht es ja auch in jedem zweiten Interview. Gerade in Deutschland wollen sie ihn regelmäßig zu einem großen „Amerika“-Kritiker machen, doch so kritisch ist er überhaupt nicht. Nimmt man zum Beispiel seine „kleinen“ Alter Egos wie James oder Vincent, haben beide lediglich ein und dasselbe Bestreben: Sie wollen mit allen anderen gemeinsam durchs Leben zu gehen. Trotzdem kann ich nicht anders und konfrontiere ihn mit Sloterdijk.

„Ich bin ein Pessimist, aber das Leben hat mich eines besseren belehrt.“?
JG: Hmmm, na gut, natürlich würde ich mich als Pessimisten bezeichnen, aber wenn man dem wirklich auf den Grund geht, ist dieser Pessimismus vielleicht nur ein simpler gedanklicher Trick, um sich zu schützen. Ich glaube, das ist nur mein Weg sich auf Enttäuschung, Verlust und Trauer vorzubereiten. Man fällt dann vielleicht nicht so tief.

Inwieweit begünstigt Musik dein Schreiben?
JG: Eine Menge. Seit ich wieder mehr Musik mache, bin ich auch wieder ein bisschen lockerer geworden. Über die letzten zehn Jahre seit „Vincent“ hat es mich irgendwie so weit in die  ernsthafte Ecke verschlagen. Jetzt scheint es aber wieder zurück zum alten Joey zu gehen. Hochzeit, mein Kind und die Rezession war so eine riesige Menge Verantwortung und das musste ich ernst nehmen. Ich habe das alles ganz gut gemeistert und da wird man glaube ich automatisch wieder lockerer. Musik ist da auch ein ganz starkes Ventil.

Und wenn das mit dem Schreiben nicht geklappt hätte?
JG: Musik war und ist immer meine Nummer eins. Das Schrei­ben hat sich nur früher gelohnt.

Wie geht’s eigentlich Vincent (der Held seines gleichnamigen Buches, dem, von einem Unternehmen gekauft, das Leben von Kindheitstagen an zur Hölle gemacht wird, um ihn zu einem perfekten Künstler heranreifen zu lassen) heute?
JG: Ich glaube, er hat eine Frau und eine Tochter. Er ist so glücklich wie nie zuvor und schreibt nur noch zum Spass.

Wann schreibst du?
JG: In der früh. Ich stehe auf, mache mir einen Kaffee und dann arbeite ich im Durchschnitt bis zum Nachmittag.

Okay. Doch ganz ohne einen politischen Bezug, lass ich ihn aber nicht davonkommen. Ich probiere es ganz fadenscheinig mit „Zero Dark thirty“?
JG: Ist der Film nicht der unglaublich Beweis, wie schnell unsere Gesellschaft geworden ist?

Da klopft es, die Zeit ist um. Wir müssten noch schnell ein Photo machen, sage ich, bitte ihn noch um eine Widmung und frage ihn beiläufig nach seiner Henkersmahlzeit. Scampi. Scampi und Donuts, sagt er und da ist es noch ein letztes Mal, dieses übersympathische Grinsen.

Anschließend stehe ich vor der Tür und lese die Widmung:
„Yeah kick ass, take care, loved your questions, brother, yours pessimistically joey“.

Viele hat das Joey-Fieber schon erreicht und es werden mehr und mehr werden, da bin ich mir sicher.



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.