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Ijoma Mangold oder der überaus sympathische Herr der Bücher

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Ijoma Mangold hat eine Gabe. Er verteidigt Bücher. Und zwar so toll, dass ihm mittlerweile ganz Deutschland dabei zusehen oder wenigstens darüber lesen will.

So arbeitete und arbeitet er für Zeitungen, wird in die Jury der größten Preise berufen, übernimmt Gastprofessuren oder bekommt für seine Kritiken selbst Auszeichnungen verliehen.

Mit seinen Worten trifft Ijoma Mangold scheinbar mühelos den Nerv aller Lesegenerationen.

Wir freuen uns sehr, dass wir ihm ein paar Fragen stellen durften.

 

 

C+C: Wie hat das angefangen, das mit dem Lesen?

I.M: Keine Ahnung, jedenfalls plötzlich wie ein Blitzeinschlag: Eben sehe ich mich noch mit den Detektivgeschichten von Wolfgang Ecke in der Hand und im nächsten Moment ist es der „Zauberberg“. Jugendliteratur wurde übersprungen. Damals hatte ich eine enorme Gier und Ausdauer, Sachen zu lesen, die ich kaum verstand. Das war so abenteuerlich wie im Nebel zu wandern.

 

Das erste Buch?

Sagen wir: Der Zauberberg. Und aus irgendeinem heiligen Grund Wolfgang Leonhards „Dämmerung im Kreml“. Ich war damals 13 und habe keine Ahnung, wie das Buch zu mir gefunden hat. Aber ich war z.B. von dem Wort Nomenklatura total fasziniert.

 

Das erste Aha-Erlebnis?

Dass man Worte wie Nomenklatura, wenn man sie in eine kleine Kladde notiert und ihre Bedeutung aus dem Fremdwörterlexikon dahinter schreibt, dass man sie dann wie Latein-Vokabeln auswendig lernen und später selber einsetzen kann. Meine Deutschlehrer haben den Gebrauch, den ich von dieser Kladde machte, gehasst.

 

Die erste größere Enttäuschung?

Alles, was syntaktisch zu einfach war, enttäuschte mich. Auf diese Weise sind bedeutende Werke der Weltliteartur an mir vorbeigegangen. Der einzige Parataktiker, mit dem ich als Jugendlicher etwas anfangen konnte, war Hemingway, wegen der eindrucksvollen Mengen Alkohol, die da getrunken wurden.

 

Der erste Lieblingsautor?

Thomas Mann

 

Die meiste Lesearbeit bei einem Roman?

Es gibt keine Erkenntnisfrüchte ohne Lektüremühen. Ich habe nichts gegen Mühe. Beim Tennis muss man schließlich auch hart trainieren, sonst bringt’s nix. Die Mischung aus Qual und Genuss, aus Dunkel und Epiphanie, aus Anstrengung und Euphorie, wie ich sie zuerst mit dem Ulysses erlebte, ist mein Lektüreparadigma geblieben bis heute. Im Moment gerade: „Horcynus Orca“. Ich verstehe kein Wort, aber es geht mir nahe wie lateinische Gebetsformeln.

 

Was hat der Roman heute für eine Bedeutung in der Gesellschaft?

Jeder will einen Roman leben.

 

Welche Bücher haben ihrer Meinung nach die Welt verändert?

Die Veränderung setzt schon auf viel atomarerer Ebene an, unterhalb des Romans, auf der Ebene des Buchstabens, wie der Streit ums Jota beweist.

 

Die 3 Bücher ihres Leben?

– Proust „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“

– Borges „Pierre Menard, Autor des Quijote“

– Nabokov „Die Gabe“.

 

Das zuletzt gelesene Buch?

Steffen Kopetzky „Risiko“. Kluger Schmöker.

 

Ihre Meinung zu Bestsellerlisten?

Die Welt ist nicht alles, was der Fall ist.

 

Ihre Meinung zur heutigen Lyriklandschaft?

Meinung? Lyrik? Landschaft?

 

Der schönste Buchtitel?

„Pierre Menard, der Autor des Quijote“

 

Die schönste Begegnung mit einem Schriftsteller?

Man trifft ja vor allem immer die Trinkfesten. Das ist eine ungerechte Vorsortierung.

 

Was darf, was sollte Literaturkritik nicht?

Die klassische Antwort, sie stammt fürs 20. Jahrhundert von MRR, ist intellektuell unter aller Sau, aber sie stimmt gleichwohl: Langweilen.

 

Thomas Mann?

Das einzige, was an Nabokov wirklich nervt, ist der Spott, den er ungerechterweise über Thomas Mann ausgießt

 

Dave Eggers?

Der schlechteste Schriftsteller der Welt

 

Thomas Glavinic?

Coole Sau

 

Cervantes?

Feder und Speer! Jawohl! (Überhaupt ist die Rückkehr des Soldatischen ein Desiderat)

 

Paul Auster?

Jeder hatte mal eine kurze Affaire mit Paul Auster, aber keiner weiß mehr, warum.

 

Hermann Hesse?

Bin gerade dabei, seine Gedichte zu mögen (und überlege noch, ob ich das wirklich öffentlich machen soll)

 

Lord Byron?

Coole Sau

 

Wolf Wondratschek?

Wäre es gerne auch. Vielleicht ist er es sogar. Ich kenne ihn leider nicht.

 

James Joyce?

Love, love, love!

 

Marcel Proust?

Il mio favorito

 

Javier Marias?

Seine Trilogie „Lanze und Speer“ gehört zu dem bedeutendsten Romanvorhaben der jüngsten Zeit. Ist in Deutschland leider hinten runtergefallen. Ich verehre ihn.

 

Bret Easton Ellis?

Ich hatte einmal das Glück, einen Abend mit ihm verbringen zu dürfen. Das werde ich nie vergessen. Man musste selber nicht mitkoksen, um drauf zu sein.

 

Jean-Phillipe Toussaint?

Guter Mann

 

Jonathan Safran Foer?

Sehr begabt. Aber irgendwas fehlt dann immer

 

Jonathan Frantzen?

Er kann’s wirklich, und es fehlt eigentlich nichts

 

Donna Tart?

Virtuos, aber beim „Distelfink“ fehlte dann doch was.

 

Vielen herzlichen Dank Herr Mangold, dass sie sich die Zeit genommen haben.

 

p.s

Wir wollten den Artikel zunächst mit einem Foto von Herrn Mangold versehen,

Probleme mit unserem E-mail-postfach wussten dies jedoch zu verhindern,

deshalb kamen wir auf dieses, zunächst ungewöhlich anmutende,

und doch vielleicht gerade so passende Titelbild.



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